Über den Atlantik Drucken

Mit nur zwei Triebwerken?


In den Pionier-Zeiten der Luftfahrt war der Flug über den Atlantik noch ein großes Abenteuer. Piloten, die auf der einen Seite abhoben, konnten sich nicht sicher sein, ob sie jemals auf der anderen Seite ankommen werden. Während der ersten regulären Passagierflüge über den großen Teich konnten selbst die Passagiere noch als mutige Abenteurer bezeichnet werden. Nicht selten fielen ein oder mehrere Motoren aus und der Flieger musste notwassern. Aus diesem Grund war es bis vor einiger Zeit nur Flugzeugen mit mehr als zwei Triebwerken erlaubt, über den Atlantik zu fliegen. Fiel ein Triebwerk aus, war noch genug "Ersatz an Bord". In der Regel flogen also vierstrahlige Jets diese Strecken. In den 70ern sah man aber auch häufiger Flugzeuge mit drei Triebwerken, wie die Douglas DC10 (später MD11) oder die Lockheed L-1011 (Tristar), die vornehmlich entwickelt wurden, um kostensparend über das Meer zu kommen.

DC-10
Douglas DC-10
       Lockheed Tristar
Lockheed 1011 Tristar


Heute werden diese Flieger nicht mehr hergestellt. Schlimmer noch, möchte mancher Passagier vielleicht sagen. Heutzutage fliegen sogar zweistrahlige Flugzeuge über den Atlantik. Die moderne Luftfahrt ist jedoch nicht etwa nachlässiger geworden. Die Sicherheit der Passagiere ist so wichtig wie zuvor. Moderne Flugzeuge sind wesentlich sicherer und effizienter konstruiert. Vor allem die Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit der Triebwerke wurde enorm gesteigert. Flugzeuge mit nur zwei Turbinen dürfen inzwischen auch quer über den Atlantik fliegen. Dies allerdings nicht, ohne dass sie für diese Aufgabe zertifiziert wurden. Diese Zertifizierung nennt sich ETOPS.

ETOPS - was ist das?


ETOPS ist die Abkürzung für "Extended-range Twin-engine Operational Performance Standards" oder auch kurz "Extended Twin Operations". Will ein zweistrahliges Flugzeug wirtschaftlich über den Atlantik fliegen, sollte es solch eine ETOPS Zertifizierung besitzen. Was bedeutet das?

Zunächst gilt für alle zweistrahligen Flugzeuge, dass sie zu jeder Zeit während eines Fluges nicht weiter als 60 Minuten von einem Ausweichflugplatz entfernt sein dürfen. Falls ein Triebwerk ausfällt, bleibt schließlich nur noch ein einziges übrig. Dieses muss dann die ganze Arbeit alleine machen. Also sollte immer ein Flugplatz in der Nähe sein, damit das verbleibende Triebwerk nicht zu lange auf Volllast arbeiten muss. So kann allerdings keine Airline wirtschaftlich fliegen.

Die 60 Minuten Regel
Mit der 60 Minuten Regel müsste ein Flug von Madrid nach New York über Grönland führen

Die ETOPS Zertifizierung eines Fliegers setzt die 60 Minuten Regel außer Kraft und erlaubt es einem Flugzeug mit nur zwei Triebwerken auch in Gegenden zu fliegen, in denen der nächstgelegene Flughafen weiter als 60 Minuten entfernt ist. Dies ist natürlich gerade bei Atlantiküberquerungen ein wichtiger Aspekt. Meist haben heutige Flugzeuge eine ETOPS 120 oder eine ETOPS 180 Zertifizierung.

120 Miunten ETOPS
Mit einem 120 Minuten ETOPS ist bereits ein Direktflug von Madrid nach New York möglich

180 Miunten ETOPS
Mit 180 Minuten ETOPS gibt es kaum eine Direktverbindung mehr, die nicht möglich ist

Die erste Passagiermaschine mit einer Art ETOPS Zulassung war die Airbus A300 in den frühen 70er Jahren (damals erweitert auf 90 Minuten). Die ETOPS Standards wurden jedoch nicht einfach nur eingeführt, um zweistrahligen Flugzeugen den Flug über den Atlantik zu ermöglichen. Hinter dieser Zertifizierung stecken viel Arbeit und hohe Anforderungen. Um für ETOPS zugelassen zu werden, muss zunächst einmal der Flugzeughersteller ein so genanntes Type Approval für das Flugzeug und die Flugzeug/Triebwerkkombination erhalten. Dazu gehören mehrfache Tests der Triebwerks- und Systemzuverlässigkeit. Bei einem ETOPS zertifizierten Triebwerk ist also garantiert, dass es den Flieger auch zwei oder drei Stunden lang alleine durch die Gegend fliegen kann. Außerdem werden zusätzliche Notfallsysteme eingebaut und Veränderungen an bestimmten Elementen des Fliegers vorgenommen.


Um ETOPS Flüge durchführen zu dürfen, muss zusätzlich die jeweilige Fluggesellschaft ein so genanntes Operational Approval von der zuständigen Luftfahrtbehörde erhalten. Die Fluggesellschaft muss sicherstellen, dass sie ihre ETOPS zertifizierten Flüge auch richtig plant und ihre Flugzeuge entsprechend warten und pflegen kann. Dazu müssen die Techniker der Airline speziell geschult sein. Aber auch die Dispatcher (Flugplaner) brauchen eine besondere Ausbildung. Entlang der Flugstrecke muss beispielsweise immer ein Flughafen innerhalb der ETOPS Zeit erreichbar sein. Diese Flughäfen haben wiederum speziellen Anforderungen gerecht zu werden. Sind alle diese Bedingungen erfüllt, bekommt ein zweistrahliges Flugzeug und dessen Fluggesellschaft eine ETOPS 120 oder eine ETOPS 180 Zertifizierung und darf unter anderem "geradeaus" über den großen Teich fliegen.

Der Flug von Madrid nach New York würde dann beispielsweise so aussehen:

180 Minuten Regel praktisch angewandt
Zu jeder Zeit während des Fluges ist ein Flughafen in 180 Minuten zu erreichen

Mit einer 180 Minuten ETOPS kann bereits 85% der Erde abgedeckt werden. Besonders moderne Flugzeuge, wie z.B. die Boeing 777 (die ER- und LR-Varianten), haben sogar eine ETOPS Zulassung von 207 Minuten. ETOPS hat also bereits die dreistrahligen Flugzeuge aus dem Luftraum verbannt. Diese Flieger sind heute fast ausschließlich als Frachtmaschinen im Einsatz. Zweistrahlige Maschinen können für eine Airline kostensparender geflogen und gewartet werden. Flugzeuge mit vier Triebwerken (B747, A380) werden in einiger Zukunft wohl nur noch gebaut, wenn es ihre Größe und gewünschte Ladekapazität notwendig macht.